RIDING IN REAL HARMONY
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Der Sattel und dessen Einfluss auf den Reiter

Es gibt einen Trend, welcher mir besonders bei den englischen Sätteln mit dem Schwerpunkt Dressur aufgefallen ist. 

Hier werden die Sattelpauschen immer größer und die Sitzflächen immer tiefer. Der Reiter soll dadurch vermutlich besser und sicherer auf Pferd sitzen können, somit können auch kleine Reiterfehler kaschiert werden. 
Doch was sind die Nachteile dieser Konstruktionen?

Sobald der Reiter aufgrund der zu tiefen Sitzfläche wie „eingemeißelt“ auf dem Pferd sitzt und die Hüfte somit in der notwendigen Bewegungsfreiheit deutlich eingeschränkt wird, wirkt der Reiter für das Pferd, wie eine „schwer zu tragende Last“, die zudem auch noch sehr träge wirkt. 
Ein wichtiger Aspekt für einen losgelassenen und elastischen Reitersitz, durch welchen die korrekte und präzise Hilfengebung erst möglich wird, ist jedoch die uneingeschränkte Bewegungsfreiheit des Reiters im Sattel. Der Reiter muss in der Lage sein, sein Gewicht, seine Schenkel und seine Hüfte situationsabhängig frei und ungehindert platzieren zu können. Dies wird mit zunehmender Sitztiefe und Pauschengröße immer schwieriger. 

Eine weitere Theorie von mir zu dem Trend mit den "riesigen" Sattelpauschen ist folgende: 

Die Sattler haben vermutlich erkannt, dass die Länge und Lage der Kopfeisen ein wichtiger Faktor für die Schulterfreiheit des Pferdes unter dem Sattel ist. Da aber mit Abnahme der Länge dieser Kopfeisen die Stabilität der Sturzfeder abnimmt, musste vermutlich die Sturzfeder weiter nach vorne verlegt werden. Diese Vorverlegung der Sturzfeder hat einen weiteren Vorteil für den Reiter, die Steigbügelaufhängung drückt dem Reiter nicht mehr am Oberschenkel. Doch was ist hier der Nachteil? Der Reiter wird nach Aufnahme der Bügel zu einem Stuhlsitz neigen. Der Reiter wird nun versucht sein, sein in der Bewegung verstärkt nach vorne gleitendes Bein, durch bewusste Muskelanspannung ins Gleichgewicht zu bringen. Der unerfahrene Reiter wird dazu neigen, das Knie nach oben zu ziehen.
Da der Stuhlsitz oder die hoch gezogenen Kniee im Dressursitz unerwünscht sind, lässt sich für mich der Aufschwung dieser überdimensionierten Sattelpauschen leichter erklären.

Man kann bei einigen Reitern z.B. auch diese „schlangenförmige“ Bewegung von der Schulter-Hals- Kopflinie recht deutlich beobachten. Verstärkt wird dieses Problem durch diese „mächtig wirkenden“ Pauschen. Diese führen den Schenkel in eine gestreckte Position mit tiefem Knie. Kommt nun eine schwunghafte Bewegung hinzu, ist das Bein bereits „teilgestreckt“ und die Hüfte im Becken in diesem Maße nach „vorne“ gekippt. Würde der Reiter nun losgelassen diesen schwunghaften Rückenbewegungen des Pferdes folgen wollen, würde es dem Reiter einen ordentlichen „Ruck“ in der Hüfte/unteren Rückenbereich bescheren. Dies kann beim Reiter nur Verspannungen hervorrufen, auch, wenn man dies nicht so recht zugeben mag.

Auch hier gibt es ein passendes Zitat von Gustav Steinbrecht:
"[...]in der Haltung des Reiters ist alles steife und gezwungene zu vermeiden, und man sollte sich recht klar machen, was eigentlich für dieselbe nötig ist und weshalb."

 

Irgendwann steht man aber vor der Frage, welchen Sattel man wählt.

Wenn man diesbezüglich jedoch noch etwas unsicher ist und doch lieber den Halt in den Sätteln z.B. mit tiefem Sitz, mega Pauschen, zu enger Kammer, oder einen Sattel mit zu starkem Schwung im Rücken sucht, wird aufgrund des fehlenden Komfortes des Sattels für das Pferd kaum in den Genuß von weichen Bewegungen des Pferdes kommen, da diese sehr oft die grundlegende Ursache von Verspannungen sind. Dieses "vorgelegte Bild der Sicherheit oder des perfektes Sitzes" ist meiner Meinung nach nicht zielführend. Verspannt sich der Reiter nun aber, um das Pferd "besser" sitzen zu können, wirkt er als unangenehme Last auf das Pferd ein. Ein Reiter mit einem solchen Sattel ist oft auch viel zu schnell dazu geneigt, Gangarten oder Manöver zu reiten, die er ohne diesen Sattel gar nicht in Stande wäre reell zu sitzen. Überspringt man die Einheit des Erlernens des Fühlens der Bewegungen des Pferdes z.B. über das Leichttraben etc. um schneller höhere Tempies etc. reiten zu können, braucht man sich später auch nicht zu wundern, wenn man es nicht wirklich spürt, wann das Pferd welches Bein gerade wie bewegt, und wann er wie am sinnvollsten mit dem Schenkel bei Bedarf aktivierend auf das Pferd einwirken kann.  

Kurt Albrecht sagte zudem:

"Die Qualität des Sitzes bestimmt, ob man überhaupt von Reiten sprechen kann, oder ob das Pferd einfach mit der auf seinem Rücken befindlichen Last fertig werden muss".

Anbei ein weiteres passendes Zitat von Gustav Steinbrecht dazu:

"Der Reiter soll nicht mit der Hand die Hinterhand zu belasten suchen, sondern durch vortreibende Hilfen die Hinterbeine veranlassen, mehr unter die Gewichtsmasse zu treten und sich dadurch zu belasten... Gegen diese Regel wird vielfach gefehlt, namentlich von allen Reitern, die wegen zu steifer Körperhaltung tote Schenkel haben und deshalb stets geneigt sind, diesen Mangel durch verdoppelte Tätigkeit der Hand zu ersetzen.“

 

Auch sollte man bedenken, dass das Pferd in der Bewegung im Rücken weich und elastisch schwingen sollte. 

Durch die konstruktionsbedingten "Umstände" eines solchen Sattels könnte es jedoch dazu kommen, dass das Pferd eher eine „ziehende“ als elastisch schwingende Bewegung annimmt. Diese meinem Empfinden nach unangenehmen Bewegungen des Pferdes, welche mehr oder weniger an den Reiter übertragen werden, können folglich zu Verspannungen des Reiters führen, da die Gelenke des Reiters, die nicht durch den Sattel eingeschränkt werden, dies durch "Mehrarbeit" kompensieren müssen. Je nach Schwungkapazität des Pferdes kann das Aussitzen eines solchen Pferdes fast schon als sportliche Leistung betitelt werden. Dies entspricht nicht meinem Empfinden für pferdegerechtes Reiten.


Ein weiterer zu beachtender Punkt ist, wie starr die gesamte Sattelkonstruktion unter dem Pferd und dem Reiter wirkt und ob es sich um einen Baum- oder Baumlosen Sattel handelt. Ebenso wichtig ist die Passform des Sattels für das Pferd. 


Manche Reiter die das erste Mal auf einem „Flachsitzer“ mit keinen oder nur kleinen Pauschen geritten sind, fühlen sich auf diesen Sätteln verständlicherweise anfangs unsicherer. Wenn diese Sättel auf das Pferd korrekt angepasst wurden und im richtigen Gleichgewicht auf dem Pferderücken liegen, werden sich die feinen Reiter schnell lockern und den Pferden fällt es leichter sich unter einem losgeassenen Reiter auszubalancieren.
 

Bei einem im Lot liegenden Sattel mit sinnvoller Steigbügelaufhängung benötigt der feine Reiter nur noch ganz kleine Pauschen bzw. gar keine mehr, da das Bein des Reiters frei hinunter hängen und sich den Bewegungen des Pferdes besser anpassen kann.

Problematisch können, besonders bei Frauen, die harten Vorderzwiesel sein, da sie anatomisch bedingt im Bereich des Schambeines hohem Druck ausgesetzt sein können, wenn der Sattel z.B. für eine große Widerristfreiheit eine hohe Kammer hat.  Hier gibt es bereits Lösungen, wo die Sättel in diesem Bereich ausgeschnitten und gepolstert werden. Auch Männer profitieren von dieser Lösung.

Mein letzter Hinweis gilt der Sitzfläche. Sie wird gebräuchlich in Zoll angegeben. Es ist wichtig, nicht nur die korrekte Konfektionsgröße (nicht zu klein wählen) zu beachten, sondern auch die Oberschenkellänge! 

Die Herausforderung der Steigbügelaufhängung:

 

"Der Reiter wird nur dann mit dem Pferd zu einer Einheit werden, können, wenn die Schwerpunktlinie des Reiters mit der des Pferdes zusammen fällt. Solange dies durch ungünstige Zug- und Hebelkräfte durch den Sattel verhindert wird, muss der Reiter seinen Schwerpunkt künstlich halten, was zu Verspannungen führen kann und was für einen elastischen und losgelassenen Reitersitz abträglich ist. Daher ist das Bild mit der gezeichneten Steigbügelaufhängung incl. Steigbügel und Riemen in der gedachten Schwerpunktlinie ( rot) zur Veranschaulichung gedacht. Grundsätzlich ist diese Linie natürlich auch vom Gleichgewicht des Pferdes abhängig. Ich möchte hier im Kern veranschaulichen, dass der Reiter seinen eigenen Schwerpunkt besser platzieren kann, wenn die Steigbügelaufhängung sich dem Körperschwerpunkt des Reiters annähert. Diesen sehe ich im Bereich des Beckens. Die Steigbügelaufhängung ist jedoch im Laufe der Zeit mit den verkürzten Ortsenden nach vorne verlagert worden. Im Gelände, oder in anderen Situationen, wo mehr Stabilität im Sitz erforderlich ist (z.B. beim Springen) kann dies für manche Reiter in Verbindung mit Pauschen im Sinne der Sicherheit durchaus sinnvoll sein, wenn er um die nun bekannten Nachteile abzuwägen weiß.

©Bild und Text: Mandy Mittmann, 2014

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©Bild, und Text, Mandy Mittman- Riding In Real Harmony 2014